Faktensammlung zu der Einzäunung der Worringer Rheinaue

Zusammengefasst

Im Pflege- und Entwicklungsplan (PEPL) der Stadt Köln wird behauptet, dass es in der Rheinaue (Naturschutzgebiet Worringen-Langel N4) durch ein »illegales Belaufen« zu erheblichen Störungen gekommen ist. Die Beweidung (sprich: die Einzäunung) soll das Betreten durch die Bürger verhindern und damit das Naturschutzgebiet aufwerten. Es gibt zu schützende Tiere und Pflanzen -> Menschen stören diese Tiere oder zertreten Pflanzen -> also muss man die Menschen aussperren. So verkürzt die Sicht der Verursacher dieser Einzäunung.

Der tatsächliche Einfluss dieser Störungen wird in keiner Weise und an keiner Stelle durch nachprüfbare Fakten belegt. Weder ist die Häufigkeit noch die Qualität der Störungen und auf keinen Fall der monokausale (es gibt nur diese eine Ursache) Einfluss auf das Biotop belegt. Es ist unstrittig, dass es in dem Naturschutzgebiet Rheinaue zu Nutzungskonflikten kommt. Immerhin liegt das Gebiet in einem dichtbesiedelten Umfeld und spielt eine wichtige Rolle als Naherholungsgebiet. Trotzdem hat sich das Naturschutzgebiet in den letzten Jahren überdurchschnittlich gut entwickelt. Nur wenn der Naturschutz und das Bedürfnis der Bürger nach einer Nutzung des Gebiets harmonisch in Einklang gebracht werden, kann von einem sinnvollen und tragfähigen Konzept gesprochen werden. Praktisch wird den Bürgern die Rheinaue als Naherholungsgebiet genommen. Die Stadt spricht in diesem Zusammenhang von einer „vollständigen Beruhigung“ des Gebiets.

Die angebliche Aufwertung des Biotops durch die Einzäunung ist kaum nachvollziehbar. Die Beweidung ist für eine Aufrechterhaltung des Biotoptyps »Glatthaferwiese« nicht ausreichend. Es müssen zusätzliche Maßnahmen wie eine Beweidung mit Schafen oder eine Mahd der Flächen durchgeführt werden. Der zusätzliche Eintrag von Nährstoffen (Kühe hinterlassen Kuhsch…) ist im Hinblick auf die Biodiversität und die Art der Pflanzen problematisch. Fast alle aufgeführten Rote Liste Pflanzen verlangen nährstoffarme Böden. Schäden an den Brutplätzen der dort nistenden Vögel durch Viehtritt sind sehr wahrscheinlich. Insbesondere die provisorische Einzäunung des Uferbereichs über eine lange Zeit hat zu erheblichen Schäden geführt.

Viehtritt in der Rheinaue

(so sieht der Uferbereich am 7.7.19 nach knapp zwei Monaten der Beweidung aus)

Durch den Bau des Zauns mit bis zu zehn PKW, einem großen Traktor und das dauernde Befahren (mehrmals täglich) ist es zu erheblichen Störungen im Naturschutzgebiet gekommen. Gerade in den bisher fast unberührten Teilen der Wiesen (Waldrand) wurden regelrechte Schneisen durch das Befahren in die Wiese getrieben. Der Stacheldrahtzaun stellt darüber hinaus eine massive Gefährdung für die Vogelwelt der Aue dar. Insbesondere die als Leitart ausgewiesenen Rebhühner, die sich häufig zwischen Hochflutrinne und Rheinwiese aufhalten, sind hier massiv gefährdet. Insgesamt kann man von einer drastischen Verschlechterung der Situation im Naturschutzgebiet durch den Bau des Zauns sprechen. Dies lässt sich, im Gegensatz zu der behaupteten Aufwertung, belegen.

Die Bürgerinnen und Bürger sind möglichst frühzeitig über die allgemeinen Ziele und die voraussichtlichen Auswirkungen der Planung öffentlich zu unterrichten.

Landesnaturschutzgesetz § 16

Im Detail

Fehlende Information der Bürger

Die Informationspolitik der Stadt und von Straßen.NRW war absolut unzureichend. Der Pflege- und Entwicklungsplan (PEPL) lag seit 2014 in dunklen Schubladen und ist bis heute nicht ohne Besuch bei der Stadt Köln einzusehen. Dass der Bau der neuen Autobahnbrücke über die A1 diese Auswirkungen auf die Bürger in Worringen hat, war kaum zu erahnen. Dabei wurde in dem Planfeststellungsverfahren zum Bau der Brücke die Realisierung der Einzäunung festgezogen. Ohne die damit gesicherte Finanzierung, wäre dieser Teil des PEPL wahrscheinlich nie zur Umsetzung gelangt. Weder die Stadt, noch Bezirks- oder Ratspolitiker haben die Bürger aus Worringen mit Informationen zu dieser drastischen Maßnahme versorgt. Erst wurden mit dem Aufstellen des Zauns Fakten geschaffen und danach, viel zu spät, die Bürger auf einer kurzfristig einberufenen Versammlung informiert. Diese mangelhafte Information haben die Verantwortlichen in der Zwischenzeit mehrfach eingeräumt. Eine Konsequenz für das Projekt hat diese undemokratische Informationspolitik nicht.

Für die Umsetzung verantwortlich ist Straßen.NRW. Die Planung für die Beweidung gemacht hat Anja Esser, Landschaftsarchitektin aus Rheinbach. Für die Stadt maßgeblich hat das Grünflächenamt mit Unterstützung der »Unteren Naturschutzbehörde« dieses Projekt zu verantworten. Diese Behörde wurde fachlich wiederum vom »Naturschutzbeirat der Unteren Naturschutzbehörde« beraten. Übergeordnet ist die Bezirksregierung Köln.

(Hier ist kein bewusst angelegter Weg zu sehen, sondern ein durch dauerndes Befahren zerstörter Teil des Naturschutzgebiets)

Rechtlich wird der Rahmen durch das BundesnaturschutzgesetzBNatSchG und das LandesnaturschutzgesetzLNatSchG NRW vorgegeben. Im Landesgesetz findet sich dazu passend der Paragraph § 16: »Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Die Bürgerinnen und Bürger sind möglichst frühzeitig über die allgemeinen Ziele und die voraussichtlichen Auswirkungen der Planung öffentlich zu unterrichten. Ihnen ist Gelegenheit zur Äußerung und Erörterung zu geben.«. Siehe auch »Leitlinienprozess Bürgerbeteiligung« der Stadt Köln.

Durch den heftigen und aus Sicht der Stadt überraschenden Widerstand bei den Worringer Bürgern sah sich die Stadt gezwungen, bei der fachlich doch angeblich so ausgetüftelten Maßnahme nachzuregulieren. Es wurde mit einem Teil des Vorstands des Worringer Bürgervereins ein „Kompromiss“ geschlossen. Dabei muss man festhalten, dass die mangelhafte Informationspolitik und praktisch nicht vorhandene Beteiligung der Bürger in Worringen während der Ausarbeitung des unsäglichen „Kompromiss“ Vorschlags ihre Fortsetzung gefunden hat. Die zwei Gespräche zwischen Stadt und Bürgerverein wurden als „geheim“ eingestuft und weder der Bürgerverein noch die Stadt hat sich bemüht, die Bürger von Worringen in diese Absprache einzubinden. Stattdessen wurde – natürlich wieder erst nach Abschluss der Gespräche – die gefundene Absprache als nun unumstößliches Werk verkauft. Wie ein Teil des Bürgervereinsvorstands auf die Idee kommen kann, dass sie legitimiert sind, den Willen der Worringer Bürger zu vertreten, erschließt sich bis heute nicht. Entsprechende Fragen werden von Vorstand des Bürgervereins bisher grundsätzlich nicht beantwortet.

Die Rheinaue zwischen Worringen und Merkenich dient in erheblichem Maße der Naherholung der Bevölkerung

PEPL 2014

Planung ohne Konzept

Seit dem Jahr 2000 besteht für das Naturschutzgebiet N4 (Rheinaue Worringen – Langel) ein Pflege- und Entwicklungsplan (PEPL), der Zielsetzungen und Maßnahmen für den »Schutz und die Entwicklung« der Gebiete vorsieht. Der insgesamt 458ha umfassende PEPL ergänzt den Landschaftsplan der Stadt aus dem Jahr 1991. Erstellt wurde der PEPL durch das Planungsbüro Viebahn & Sell im Auftrag des Amts für Landschaftspflege und Grünflächen der Stadt Köln. Einige Maßnahmen wie die Aktivierung einer Hochflutrinne in Worringen, Obstbaum- und andere Gehölzpflanzungen, Wiesenextensivierung oder Waldumbau wurden bereits umgesetzt. Vieles davon eher wenig überzeugend.

Ausschnitt Karte 2 Landschaftsplan Köln

(Ausschnitt der Karte 2 zum Landschaftsplan Köln)

Ohne auf die Zwischenschritte an dieser Stelle im Detail einzugehen, ist die übereilte Umsetzung Straßen.NRW zuzuschreiben. Straßen.NRW benötigt eine »Ausgleichsfläche« für die Baumaßnahmen des (noch) 750 Mio. teuren Projekts »Leverkusener Brücke«. Da die Natur rund um den Brückenneubau auf der Strecke bleibt, musste Ersatz her. Also wurde bei der Stadt Köln nachgefragt und die hatte ja seit fünf Jahren den PEPL in der Tasche. Straßen.NRW zahlt und beide sind ein Problem los. Nachhaltigkeit oder die Interessen der Bürger in Worringen spielten bei diesen Überlegungen offensichtlich keine Rolle. So ist Straßen.NRW natürlich in keiner Weise in die weitere Entwicklung des Naturschutzgebiets eingebunden.
Die NABU-Naturschutzstation Leverkusen-Köln hat im Jahr 2012 ein Monitoring durchgeführt und dabei den aktuellen Bestand an schutzwürdigen Tieren (mit Schwerpunkt auf den Vögeln) und Pflanzen aufgenommen. Die fachliche Qualifikation der NABU Station müssen wir einfach voraussetzen. Diese Untersuchung ist angeblich in einen PEPL 2014 eingeflossen (Zahlen finden sich dort nicht). Durchgeführt wurde die Zählung durch einen festangestellten und im Prinzip durch die Stadt finanzierten Biologen (unterstützt von einem Geographen). Natürlich kann die Naturschutzstation nur sehr sporadisch im Naturschutzgebiet aktiv sein. Eine kontinuierliche Überwachung ist weder möglich, noch von der Stadt gefordert.

Schwerpunkte der Förderung nach PEPL 2014 sind besonders die Förderung von Auengehölzen und dynamischen Uferentwicklungen. Das Konzept spricht in diesem Zusammenhang von einem »nachweislich störenden und im vergangenen Jahrzehnt nicht abschließend geregelten Besucherdruck«, ohne hierzu tatsächlich konkrete Nachweise bringen zu können. Dazu müsste das Monitoring intensiv über einen deutlich längeren Zeitraum stattfinden. Außerdem ist es grundsätzlich fraglich, ob diese Maximalforderungen der Ornithologen im Hinblick auf die Besiedlungsdichte rund um die Aue haltbar und sinnvoll sind. Im PEPL wird immerhin erwähnt, dass die Rheinaue „[…]zwischen Worringen und Merkenich in erheblichem Maße der Naherholung der Bevölkerung“ dient und „[…]weiterhin […] Freizeit- und Erholungsaktivitäten […] möglich“ sein sollen. Wir reden hier immerhin von der Beschränkung eines Grundrechts der Bürger (§2 GG). Die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme ist aus Sicht von Unser Worringen in keiner Weise gegeben und rechtlich durchaus anfechtbar.

Zurück zum fehlenden Nachweis der angeblichen massiven Störung durch Naherholung suchende Bürger. Grob vereinfacht funktioniert diese Art von „Wissenschaft“ wie folgt: Man stellt eine Theorie auf und macht sich dann daran, diese zu beweisen. Beispiel: Wenn ich sage:“ Im Kühlschrank ist Bier!“ und dann an den Kühlschrank gehe, um meine Aussage zu überprüfen, betreibe ich quasi schon eine Vorform der Wissenschaft. Wenn ich hingegen sage: „Im Kühlschrank ist Bier!“, aber nicht nachsehe, weil ich nur glaube, dass welches da ist, dann ist das sozusagen nur Glaube allein, also Religion. Wenn ich aber sage: „Im Kühlschrank ist Bier!“, im Kühlschrank nachsehe, kein Bier finde, und dann weiter behaupte, im Kühlschrank wäre Bier, dann ist das Esoterik. Wir befinden uns im Hinblick auf die Behauptung, dass in der ersten Linie (Untere Naturschutzbehörde) oder sogar ausschließlich (Schutzstation Lev) die Menschen in der Rheinaue nachhaltig die dort brütende Tierwelt stören, irgendwo zwischen Religion und Esoterik. Das hier eine sachgerechte Abwägung zwischen den Belangen der Erholungsnutzung, des Naturschutzes und der Landwirtschaft stattgefunden hat, ist sehr zu bezweifeln.

Dabei weiß die Stadt es besser. Im Rahmen der Diskussion über Veränderungen im Naturschutzgebiet Flittarder Rheinaue schreibt die Verwaltung dem Ausschuss für Umwelt und Grün am 12.10.2017 in einer Stellungnahme: „Ein Vergleich mit den Naturschutzgebieten N1 und N4 kann hier nicht angestrengt werden, da aufgrund der Größe und Biotopausstattung des Gebietes sich dort Bereiche am Rheinufer finden, an denen eine stille Erholungsnutzung keinen nachhaltigen Eingriff in das Artenspektrum des Gebietes zur Folge hat„.

Im Naturschutzgebiet N4 hat eine stille Erholungsnutzung keinen nachhaltigen Eingriff in das Artenspektrum des Gebietes zur Folge

Ausschuss für Umwelt und Grün

Aussperren statt Einbinden der Bürger

Im Pflege- und Entwicklungsplan (PEPL) von 2014 findet sich: »Schutzwürdige und durch wiederholtes illegales Belaufen stark gestörte Bereiche (Wiesen allgemein und östlich Hafen Worringen, Auenwald bei Langel, Auenwälder mit empfindlichen Vogelbrutplätzen, Rastplätze von Wasservögeln, Fischruhezonen) sind konsequent aus der Erschließung zu nehmen. Hierzu gehört auch die Umwandlung der vor illegalem Belaufen und Spielbetrieb zu schützenden großen Wiesenschläge in eingezäunte Weidekoppeln«. Weiterhin findet sich hier: »Kernstück des PEPL 2014 ist das Beweidungskonzept. Es sieht vor, dass Weidetiere, die sich für die Landschaftspflege eignen, weitgehend selbständig auf größeren Weideflächen leben« und »Die Vegetation des Grünlandes wird durch eine Beweidung dauerhaft und regelmäßig gepflegt«.
Es werden weder nachprüfbare Fakten zu der aufgestellten Behauptungen, dass hier »stark gestörte« Bereiche zu finden sind, angeführt, noch fußt die Beweidung auf einem fundierten Konzept. Ein einmaliges Monitoring im Jahr 2012 reicht als Begründung sicher nicht aus. Über laufende Erhebungen liegen keine Zahlen vor. Der kausale Zusammenhang zwischen der Nutzung der Aue durch die Bürger und einer Verringerung der Biodiversität oder einer Abnahme der Individuenzahl wurde nicht erbracht. Hier wird, wenn überhaupt, auf grundsätzliche Erkenntnisse wie »Fluchtdistanz der Wiesenbrüter« verwiesen. Es wird dabei ignoriert, dass die Wissenschaft sehr wohl davon ausgeht, dass besagte Fluchtdistanz durch Erfahrung (zum Beispiel durch das Nachahmen des Verhaltens älterer Tiere der gleichen Art) an die Lebensumstände eines bestimmten Areals angepasst wird. Die Fluchtdistanz ist keine unabhängige physikalische Größe, sondern wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst (Journal of Wildlife Management 68, Nr. 4, 2004, S. 1124–1129).
Laut einer aktuellen Studie des »European Bird Census Council« sind leider von 1980 bis 2016 in der EU rund 56 Prozent aller Feldvögel wie Feldlerchen, Kiebitze, Feldsperlinge oder Stare verschwunden. Wenn die Rheinaue durch das »illegale Belaufen« überdurchschnittlich stark gestört würde, müssten Zahlen vorliegen, die deutlich schlechter als dieser EU-weite Durchschnitt ausfallen. Liegt der Rückgang in der Aue dagegen unter 57%, kann nicht mehr von einer besonderen Belastung durch die bisherige Nutzung gesprochen werden. Die bisher bekannten Zahlen deuten darauf hin, dass es in den letzten Jahrzehnten nicht zu einer wesentlichen Verschlechterung des Bestands oder der Artenvielfalt in der Aue gekommen ist. Die Aue hat sich folglich gegen den Trend deutlich besser entwickelt, als der Durchschnitt der Flächen in der EU.

Dem Erholungsbedarf der Bevölkerung wurde in dem Konzept kein tragfähiger Rahmen zugedacht. Aktuell ist dies am Fehlen jeder Verbindung zwischen Worringen und Langel entlang des Rheins zu sehen. Die Bürger sollen ausgesperrt werden – dies ist explizit als Ziel in PEPL formuliert worden. Jeder mögliche „Kompromiss“ ändert nichts an dieser Zielsetzung. Das kann nur durch den vollständigen Verzicht auf die Maßnahme erreicht werden.
Durch den Bau des Zauns und das intensive und tägliche Befahren der Wiesen mit PKWs, insbesondere entlang des Waldrands, kam und kommt es zu erheblichen Schädigungen des Biotops. Die Störungen für die hier zum Teil noch brütenden Vögel sind erheblich. Dies führt zu einer Verschlechterung der Situation im Naturschutzgebiet.

Es existieren zahlreiche Flächen in dem ausgewiesenen Naturschutzgebiet, die bisher landwirtschaftlich genutzt werden. Hier wird weiterhin Getreide (Weizen, Mais) angebaut. Durch eine Umwandlung dieser Flächen in artenreiche Wiesen oder Auenwälder könnte einfach und ohne Beeinträchtigung der Bürger eine deutliche Aufwertung des Naturschutzgebiets erfolgen. Im Gegensatz zum Rückbau einiger Obstbaumplantagen in Dormagen und Langel ist dieser Ansatz im PEPL bisher nicht zu finden. Das ist fachlich fragwürdig.

Eine weitere Alternative wäre die Festlegung von Ersatzgeld gewesen. Es wird dann festgesetzt, wenn ein Eingriffsverursacher keinen Ausgleich oder Ersatz realisieren kann. Das Ersatzgeld wird anstelle der Umsetzung von konkreten Maßnahmen an die Stadt Köln gezahlt. Dieses Ersatzgeld muss entsprechend den gesetzlichen Vorgaben innerhalb von 5 Jahren zweckgebunden für Naturschutzmaßnahmen eingesetzt werden. Für welche Naturschutzmaßnahmen das Geld verwendet wird, obliegt der Stadt. Auf diesem Weg hätten man umfangreiche Maßnahmen zusammen mit den Bürgern angehen können. Stattdessen fehlt bis heute jede Beschilderung, jedes Informationsangebot in der Rheinaue. Die Stadt hat kein Geld für die Information der Bürger, für Müllcontainer an den Ausgängen des Naturschutzgebiets oder andere, kreative Ideen die mehr Naturschutz mit den Bürgern bringen würde. Statt dessen wurde ein Zaun um fast 350.000m2 Rheinaue gezogen. Dabei kann nur der freie Zugang in die Rheinaue Naturerfahrungsräume erlebbar machen und das psychosoziale Wohlbefinden steigern. Nur ein freier Zugang trägt positiv zum nachbarschaftlichen Zusammenleben, zu Naturerfahrung und Umweltbildung der Bürger bei. Naturschutz beginnt immer in den Köpfen der Bürger. Wenn ich Menschen von der Natur ausschließe, wird dieses Bewusstsein sicher nicht entstehen. Hier muss die Stadt ihre Verantwortung wahrnehmen und blankem Aktionismus oder konzeptlosen und ideologisch geprägten Aktionen eine Absage erteilen.

So liegen die Schadstoffgehalte der Hochwasserrückstände oftmals über den zulässigen Werten der Klärschlamm-Verordnung

Landschaftsplan Köln

Landwirtschaftliche Nutzung

Im Pflege- und Entwicklungsplan (PEPL) von 2014 wird explizit als mögliche Maßnahme zur Aufwertung genannt: »Ackerstandorte im Vorland mittelfristig zugunsten von Sukzessionsflächen oder Wald, auch Grünland, auf[zu]geben«. Dazu würden sich in der Worringer Aue mehrere Flächen eignen, ohne den Naherholungscharakter für die Bürger einzuschränken. Statt Mais oder Weizen anzubauen, könnten hier Auenwälder oder naturnahe Wiesen entstehen. Das muss man allerdings wollen.

Ob in der Rheinaue überhaupt Rinder gehalten werden dürfen, ist ebenfalls fraglich. Die Stadt schreibt selber „So liegen […] die Schadstoffgehalte der Hochwasserrückstände oftmals über den zulässigen Werten der Klärschlamm-Verordnung“ (Landschaftsplan Köln, S. 99)
Das Verbot einer landwirtschaftlichen Nutzung laut Landschaftsplan der Stadt Köln wird dort unter bestimmten Umständen aufgehoben: „die Nutzung der bisherigen Landwirtschaftsflächen als Weideland oder Mähwiesen, soweit- […] nur einmal pro Jahr nicht vor dem 15.07. gemäht wird[…]“ ist gestattet. Als Erklärung ist zu lesen, dass „[d]er späte Mahdtermin […] darüber hinaus erfolgreiche Brutgeschäfte vor allem bei Wiesenvögeln sicherstellen“ soll. Praktisch wurde das gesamte Gebiet deutlich vor dem 15.7., inklusive der Beweidungsfläche, gemäht. Ohne Konzept bestimmen die Ausnahmen die Regel.

Es ist mehr als fraglich, ob eine Beweidung mit Rindern durch gesicherte Erkenntnisse auf die Standortqualitäten der Grünflächen abgestellt wurde. Hier regiert mehr das Prinzip: Versuch und Irrtum. Hinweise auf die niederländischen Rheinauen, die Lippeaue oder Gebiete im Sauerland, wo ebenfalls mit Rindern in einem Naturschutzgebiet gearbeitet wird, sind maximal in kleinen Teilbereichen auf die Rheinaue in Worringen zu übertragen (andere Zielbiotope). Allerdings findet sich in keinem Gutachten, keinem Landschafts- oder Entwicklungsplan auch nur im Ansatz der Versuch die Beweidung wissenschaftlich fundiert zu begründen. Nichts dazu. Wenn es nicht klappt, muss niemand die Verantwortung tragen – die Wiesenbrüter haben dann halt Pech gehabt. Selbst ein die Maßnahme begleitendes Monitoring wurde an keiner Stelle detailliert festgeschrieben. Es gibt weder Kennzahlen, noch Richtwerte, gegen die der Erfolg der Maßnahme abgeglichen wird. Wissenschaftlich ist dieses Vorgehen in keiner Weise.

Bei einer ökologisch, landwirtschaftlichen Nutzung geht man von einer Besatzdichte von rund 3 Rindern je ha aus. Das wären bei der jetzt eingezäunter Fläche rund 90 Tiere. Wie hier nun die »extensive Nutzung« durch rund 15 Tiere zu der angestrebten Pflege der Glatthaferwiesen passen soll, erschließt sich nicht. Faktisch muss hier durch zusätzliche andere Maßnahmen ein Versaumen der Wiese verhindert werden. Darüber hinaus ist die positive Beeinflussung des Biotops durch diese biologische Invasion nur durch Vermutungen belegt. Nach dem Motto »in Holland soll es gut geklappt haben«.
Im Naturschutzgebiet Rheinaue muss das Mahdgut entfernt werden, da ein hoher Nährstoffeintrag die Entwicklung des Zielbiotops nachteilig verändert: „Die Beseitigung des Mahdgutes ist zur Kompensation der Nährstoffeinträge durch Hochwässer zwingend erforderlich, um so einer Überdüngung und damit Florenveränderung der Grünlandzonen entgegenzuwirken.“ – das gilt natürlich in noch stärkerem Maß für den Nährstoffeintrag durch die Ausscheidungen der Rinder. Hier ist mit einer Reduzierung der Artenvielfalt bei den Pflanzen zu rechnen. Dazu schreibt der Landschaftsplan der Stadt Köln auf Seite 253: „Zur Gewährleistung des Schutzzwecks ist im LSG „Rhein, Rheinauen und Uferbereiche von Rodenkirchen bis Langel rrh.“ […] verboten: […] die Beweidung der Ufersaumbereiche„. Dazu wird auch eine Begründung geliefert: „Hierdurch soll die in großen Teilbereichen noch vorhandene, naturnah entwickelte Saumvegetation vor Schädigungen geschützt werden„. Diese Erkenntnis wurde für die Rheinaue in Worringen einfach über Bord geworfen. Dadurch, dass die Rinder fast seit Anbeginn der Maßnahme nur einen relativ kleinen Streifen am Ufer nutzen können, wird das Problem des Viehtritts und des Nährstoffeintrags für diesen Teil massiv verstärkt. Dieser Bereich wurde durch die Maßnahme schon jetzt massiv geschädigt. Durch die Weidenutzung wird aus einem »naturnahen Biotop« ein so genanntes »halbnatürliches Biotop« und dies ist grundsätzlich als Ab- und nicht als Aufwertung zu sehen.

Mahd im Juni
(Erste Mahd Mitte/Ende Juni)

Zur Kompensation der Nährstoffeinträge durch Hochwässer ist es zwingend erforderlich einer Überdüngung der Grünlandzonen entgegenzuwirken

Landschaftsplan der Stadt Köln